Alle Artikel von supervisor

How to help the planet?

Freie Arbeit zum Thema Umwelt.
1. Was wir alles tun können um unsere Umwelt zu schützen 2. Wir haben keinen zweiten Planeten im Universum 3. Alles ist miteinander verbunden 4. Haltet zusammen, wir können das schaffen 5. Unser schöner Planet

Freie Arbeit zum Thema Umwelt.

Kurzgeschichte „I have to bring this out of my system“

Illustrationen für eine Kurzgeschichte von Margarita Wolf.

Leseprobe: Es war der erste Tag, an dem es schneite. Der Himmel war bereits über Nacht zugezogen und von dicken Wolken bedeckt. Die Luft roch klar und eisig. Die Baumwipfel ließen sich vom Wind bewegen und schaukelten hin und her. Langsam setzten sich die Flocken auf den Baumspitzen nieder und bildeten eine gräuliche Schicht, die später weißer und weißer wurde.
Am nächsten Morgen, als Paul aus dem Fenster blickte, war alles unter dieser Decke begraben. Die Bäume, der Schotterweg zum Haus, der Schotterweg vom Haus zum Schuppen, der matschige Weg in den Wald. Paul ließ seinen Kopf in den Nacken fallen und legte sich seufzend zurück ins Bett. Er schloss die Augen. Im Zimmer war es so kalt, dass er seinen Atem sehen konnte. Er wartete. Exakt fünf Atemzüge später kam sein Vater zur Tür herein, nickte ihn stumm an, kehrte wieder um und ging.
Paul stand auf. Er war klein und dünn und jetzt, da er unter der Decke hervorgekrochen war, spitze die Gänsehaut unter seinem dünnen Hemdchen hervor. Er zog sich an. Knöpfte die Knöpfe zu, von unten nach oben. Schlüpfte in die Socken von gestern. Er trat vor die Tür und kalte Schneeluft stieß ihm entgegen. Er blickte sich um und atmete kräftig ein und aus. Dann trat er wieder hinein, ging durch das Haus bis ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht. Er sah sich im kleinen Spiegel an. Dann schlüpfte er in seine Winterjacke, ging vor die Tür, hinter das Haus zum Schuppen, holte die Schneeschaufel und klopfte mit dem Stiel im Vorbeigehen bei seinem Bruder an, der in einem Trailer unweit des Hauses schlief.
Er begann zu schaufeln.
Er atmete laut dabei und ächzte unter der schweren Last des Schnees. Er wünschte sich, das alles wäre schon vorbei. Der Winter, das Leben hier in der Einöde und vielleicht sogar das Leben selbst. Er hatte keine Lust mehr auf die Schule. Die anderen waren blöd – sie lachten ihn aus, weil er geflickte Hosen trug und nicht den neuesten Shit in den Unterricht mitbrachte. Er hatte einfach keine Geschichten zu erzählen. Was sollte er sagen? Dass er in der Pampa hauste, seine Eltern getrennt waren und er bei seinem einsilbigen Vater wohnte? Dass er jagen gehen, das Wild mit den eigenen Händen aus dem Wald schleifen musste, dass er es an den Achillessehnen aufschlitzen und mit zwei Haken und einem Flaschenzug an die Decke des Schuppens ziehen musste? Und dann das Ausbluten… Hals aufschneiden, dampfendes Blut auffangen, warten. Dann Bauchdecke öffnen, Haut abziehen, Eingeweide entfernen, schneiden, ziehen, filetieren. Sollt er ihnen sagen, dass seine Mutter in einem Burgerrestaurant arbeitete und Burgerfleisch wendete (viel später hatte er auf die Frage seiner Freundin, was seine Mutter denn beruflich mache, kurz und knapp gesagt: „she flipps burgers“)? Dass sie manchmal betrunken war und Sachen umwarf oder einfach mit den Klamotten ins Bett ging? Nein, er hatte keine Geschichten. Und er konnte auch sonst nicht viel bieten. Seine Füße waren zu groß für seinen Körper und im Sport war er nie besonders gut, nicht so wie die anderen Jungen. Paul hasste die Schule. Es war der Ort, an dem er sich schnell bewegen musste, wo er nicht ausatmen und entspannen konnte, sein Körper war permanent auf hundertachtzig, Adrenalin stürzte durch seine Adern. Er war schon zu oft verdroschen worden, als dass er sich den Luxus einer ruhigen Minute auch nur gedanklich leisten konnte.

Corona Virus

Freie Arbeit zum Thema Corona Virus.
1. Das Virus, 2. Ich weiss nicht warum, aber ich fühle mich frei, 3. Zuhause bleiben, 4. Abstand halten, 5. Neues wächst.

Gefühle und anderes

Freie Arbeit zum Thema Gefühle und menschlichen Zuständen.
1. Das Wesen von Gefühlen, sie kommen und gehen und manchmal sind sie so groß, dass man sich fast zu tode erschreckt 2. Das Gefühl nicht im Körper zu sein

Unser Planet

Freie Arbeit zum Thema Natur.
1. Flora & Fauna 2. Harmonie 3. Haltet zusammen 4. Mutter Natur 5. Zukunft

Kurzgeschichte „Das kleine Wohnzimmer“

Illustrationen für „Das kleine Wohnzimmer“, eine Kurzgeschichte von Margarita Wolf.

Leseprobe: Meine Freundin hat sich ein kleines Wohnzimmer gebaut. Es war so ein Set zum Basteln und Selber-Zusammen-Bauen. Das Wohnzimmer besteht aus minikleinen Teilen, die sie mühsam und in gebückter Trollhaltung zusammengeklebt, bemalt und angesteckt hat. Es gibt alles: ein Sofa mit Abstelltischchen, auf dem ein kleines Glas steht. Es gibt eine Stehlampe, mit Glühbirne und ein aufgeschlagenes Buch, das auf einer kleinen Tagesdecke liegt. Es gibt einen Perserteppich und ein Bücherregal. Nur einen Fernseher gibt es nicht (macht das Hoffnung?). Neben dem Sofa steht ein Ohrensessel und an der Wand hängt ein Bild von Van Gogh. Die Sonnenblumen. Eine Seite des Wohnzimmers hat eine gemusterte Tapete.
So.
Dann hat sie eine Glaskuppel darüber gestellt, damit das Wohnzimmer nicht verstaubt. Jetzt steht es in ihrem Wohnzimmer (ein Wohnzimmer im Wohnzimmer) auf einem kleinen Sockel, damit sich Gäste dieses Schauspiel anschauen können. Das kleine Wohnzimmer verstaubt auch tatsächlich nicht, nur die Glaskuppel.
Letztens bin ich dagestanden und hab mir das Ganze auch in gebückter Trollhaltung angeschaut. Es leben keine Menschen im kleinen Wohnzimmer, nicht mal eine Katze. Ich verstehe das. Das kleine Wohnzimmer ist nicht nur eine Spielerei für Leute, die fitzikleine Sachen basteln wollen, es ist der Ausdruck eines Lebensgefühls. Du stehst unter der Glocke, verstaubst zwar nicht, kannst aber auch nicht gescheit atmen. Außerdem fühlt sich alles leer an, weil da ja wirklich niemand ist. Das heißt, du schaust von außen auf dich drauf, kommst aber nicht rein, obwohl du drinstehst. Du kannst dich nicht von innen heraus selbst ausfüllen, anfüllen besser gesagt. Du bleibst eine Hülle. Eine Hülle unter Beobachtung.
Das habe ich dann verstanden und ich richtete mich auf, um meine Freundin zu fragen, wo sie denn das kleine Wohnzimmerbauset her habe und dass ich ihr Hobby wirklich komisch finde. Es erzürnte mich regelrecht. Sie schob die Schultern zusammen und sagte nur: „Es ist so süüüüß!“ Ich hätte am liebsten die Glaskuppel genommen und in die Ecke geschleudert. Stattdessen bin ich wie angewurzelt dagestanden und hab keinen Ton rausgebracht. „Süüüüß“ hallte es in meinem riesigen Kopf nach. Oh Gott.
Dann merkte ich langsam eine Zuneigung zu diesem kleinen Ding mit der durchsichtigen Glaskuppel. Das hab ich gemerkt, weil ich seitlich immer zu ihm rüber geschaut hab, obwohl ich das gar nicht wollte. Irgendwie fühlte ich mich verbunden mit diesem blöden Ding. Es war logisch. Wenn du immer in einer bestimmten Welt gelebt hast, erkennst du das und du lernst diese Umgebung ja auch ein bisschen lieben. Dann wieder nicht, dann wieder schon. Aber du weißt ja auch nicht, wie du wieder rauskommen sollst, also… bleibst halt drin. Das Alter macht das nicht besser, denke ich mir. Obwohl mein Opa letzthin gesagt hat (er ist jetzt vierundachtzig), er fährt ab jetzt nur noch auf dem Gehsteig Fahrrad und er rät mir, ich solle damit nicht so lange warten. Was bedeutet das überhaupt? Ist das auf dem Gehsteig-Fahrrad-Fahren das Revolutionärste, das er je in seinem Leben getan hat? Ist das sein Auflehnen gegen die Welt? Ist dann das Annehmen dieser Welt, ein kleines Wohnzimmer zu bauen und eine Glaskuppel drauf zu stellen? Ich kenne mich nicht mehr aus.
Zwischen dem kleinen Wohnzimmer und mir gibt es wirklich viele Parallelen, das wurde mir jetzt beim Rüberschielen klar.

Kurzgeschichte „Eiche Vollholz“

Illustrationen für „Eiche Vollholz“, eine Kurzgeschichte von Margarita Wolf.

Leseprobe: Wenn Sie mich so von außen sehen, denken Sie vielleicht: Ah, ja, ein ruhiger Mensch! Währenddessen besteigen meine Gedanken gerade das Riesentrampolin. Die innere Stille ist ein haariges Ding. Wenn ich zum Beispiel versuche zu meditieren, wärmt sich in mir mein persönliches Gedankenorchester auf. Ich liege in der Badewanne und mische andächtig Beruhigungsbadeöl unter das einfließende Wasser: Crescendo! Manchmal versuche ich, mich dann auf den Badeschwamm zu konzentrieren: Ich betrachte seine seltsame Struktur, die Krater und Furchen, seine Farbe und dann streichle ich damit meinen rechten Arm und dann streichle ich damit meinen linken Arm.
Meine Gedanken sind eigenständige Wesen. Es gibt Menschengedanken, Tiergedanken und Schlingpflanzengedanken. Sie alle leben in unterschiedlichen Gegenden – von der weichen, grasbewachsenen Savanne bis hin zum Permafrostwinter in Irkutsk. In meinem Gedankengestrüpp kann ich mich schon mal ein paar Wochen lang ordentlich verheddern. Es gibt Wegweiser hinaus, aber die sind nur manchmal sichtbar. Meine Gedanken sind die irrwitzigsten Gestalten mit sehr aufwändigen Frisuren und seltsamen Hobbies. Manche singen zum Beispiel, manche schreien eher, manche erlernen seit Jahren das Blockflötenspiel, mit mäßigem Erfolg. Manche schleichen sich von hinten an. Manche sind sehr leise und zart, die kommen immer mit den wichtigen Botschaften. Manche kriechen eher, manche schlagen ein wie ein Blitz. Mittlerweile kenne ich sie schon ganz gut und ich kann sie auch auseinanderhalten, obwohl es ein paar Chamäleons unter ihnen gibt. Bei denen muss ich besonders vorsichtig sein.
Morgens und abends sind sie am aktivsten, das habe ich bereits festgestellt. Dann erwacht in meinen Gedanken eine Vorliebe für Orchesterproben und Konzerte. Leider muss ich sagen, dass sie alle nicht besonders talentiert sind, was mich als unfreiwillige Zuhörerin durchaus zur Verzweiflung treiben kann. Das Morgenorchester besteht aus den klassischen frühen Vögeln. Sie üben nie, sind aber besonders stolz darauf, dass sie so früh wach sind, sich gefunden und zusammengeschlossen haben. Sie mögen einander und fühlen sich zu einem „wir“ verbunden, aber sie stehen auch in Konkurrenz zueinander, besonders was ihre musikalische Leistung, aber auch ihr äußeres Erscheinungsbild betrifft. Sie versuchen, sich mit den schrägsten und lautesten Tönen und den wildesten Kostümen und Bemalungen gegenseitig zu übertrumpfen. Ihre Energie ist beispiellos, wofür ich besonders früh morgens natürlich sehr dankbar bin. Einmal hat ein Minotaurus, der so gerne Andrea Bocelli gewesen wäre, zu mir gesagt, ich solle mich doch freuen, alle wollen nur meine Aufmerksamkeit. Während ich begann, dies heftig zu bezweifeln, trippelte er mit wehender Mähne davon. Ich glaube, er war beleidigt.

Letztes Wochenende bin ich im Bett gelegen und langsam aufgewacht. Es ist ein seltsames Gefühl, dieser Übergang vom Schlaf in die Wachheit. Als ich aus dem gedankenlosen Reich der Träume langsam herausschritt, wurde ich auf mein inneres Chaos aufmerksam und ich ahnte Böses. Aus jahrelanger Erfahrung weiß ich, dass die Mitglieder des Morgenorchesters nicht gerne aufräumen. Ich schleiche also ganz sachte an die Wachheit heran und sehe schon: Es sieht wüst aus! Diese pedantischen, egozentrischen Musiker, die ganze Nacht haben sie damit zugebracht, sich herauszuputzen. Ein Nebel hängt über dem Orchestergraben – ein heißer Dunst aus Haarspray, Nagellackentferner und Lockenstabhitze. Ich kribbele mit den Fingern, um aus diesem Alptraum ganz in meinen Körper zurückzugelangen, hege die Hoffnung, dem Orchester heute zu entkommen, aber da höre ich schon den ersten Gedanken flüstern: „Ich glaube, sie ist bald wach!“ Nun beginnen alle panisch durcheinanderzulaufen, Geigenbögen werden gespannt, der Perkussionist und der Paukenspieler suchen nach ihren Trommelknäufen, die Dicken mit den Blasinstrumenten polieren nochmal das glänzende Blech, der lange Lulatsch mit der Pelzstola zieht sich umständlich seinen Lippenstift nach, die dreibeinigen Zwillinge versuchen sich gegenseitig die Schnürsenkel zu binden, Madame Großauge feilt sich hastig die überlangen Fingernägel für das Gitarrensolo. Alle versuchen leise zu sein, aber das Getrippel und Getrappel ist meilenweit zu hören. Ich stöhne beim Anblick der Zukunftsgedanken, die neuerdings zu den Proben eingeladen werden und man kann nicht sagen, dass diese Leute besonderes angenehme Gäste wären. In meiner letzten Hoffnung öffne ich ganz langsam die Augen und schon brüllt eine Dame in pinkem Federgewand: „SIE IST WAAAAAAAACH!“ Ich kann ihren Gaumenbommel sehen, so laut brüllt sie. Meine Hoffnung versiegt. Der Dirigent, eine Mischung aus einem sabbernden Hund und einem Wetterhahn, wedelt mit seiner Rute herum, aber es achtet schon längst niemand mehr auf ihn. Alle prusten, hauen, zupfen, zerren und schmettern mit und auf ihren Instrumenten. Hinten in der Ecke sägt jemand an einem riesigen Baumstamm herum – keiner weiß warum – vorne probiert sich ein Walross als Tenor. Nach einer Weile wird es kurz ruhiger, der Dirigent wischt sich mit einem Bananenblatt den Schweiß von der Stirn. Alle Augen richten sich nun auf ihn. Seine Augen richten sich auf mich. Ich öffne die Augen nun ganz. Der Dirigent stößt mit einem kräftigen Stoß seinen Wetterhahn an, der sich wirbelnd im Kreis dreht. Das ist das Zeichen. Jetzt wollen alle zuerst gehört werden, jeder hat einen sehr wichtigen Antrag vorzubringen. Der Kronleuchter wackelt gefährlich. Die Leute von der Zukunftsinsel sind die schnellsten, sie schießen schreiend nach vorne und stoßen ein paar gackernde Alltagssorgen um, die jetzt sehr beleidigt wegrennen. Die Zukünftler kommen immer näher. Der Paukist schlägt sich in Rage. Die jungen geigenspielenden Disziplingedanken wollen auch was sagen. Die Baumflöten tröten. Es ist ein ohrenbetäubendes, ein wahnsinniges Orchester.
Mit diesem trage ich mich dann herum, den ganzen Vormittag. Zwischendurch kommen auch ein paar nette Gedanken vorbei, manche bringen sogar Erkenntnisse von ihren Reisen mit. Manchmal ist auch tatsächlich kurz Stille. Zum Beispiel als ich am Montag in der Arbeit sitze und statt zu arbeiten ins Narrenkastl schaue. Ich blicke einfach aus dem Fenster, ohne Ziel, ich lasse die Augen träge umherwandern und irgendwann stehen bleiben. Dann schauen sie etwas verschwommen einen Baum an und es ist ruhig. Das ist schön. Ich genieße, dass die Musikerinnen und Musiker des Morgenorchesters Schaffenspause eingelegt, dass sie sich irgendwohin verzogen haben, um ihre Federn und Krallen zu putzen. In dieser schwummrigen Ruhe kommen dann oft die inspirierenden Gedanken daher. Die kommen nicht, wenn es bumpert und trommelt, nein, die brauchen diese etwas dümmliche Gelassenheit.
Als ich am Abend dann heimgekommen bin, habe ich schon gemerkt, wie sich die Nachteulen formierten. Ich wollte ihnen klar machen, dass keine Anträge mehr angenommen würden, weil die Sachbearbeiter völlig überlastet seien. Meine Gedanken haben sich daraufhin wie ein Rudel junger Welpen verhalten, die völlig wahnsinnig in alle möglichen Richtungen tapsten. Natürlich hatte das System und ich setzte mich einen Moment auf einen Stuhl und strich mir die Haare glatt. Mir kam der Gedanke, dass sich meine Gedanken vermehrten wie ein Hefepilz auf einer talghaltigen Kopfhaut in der prallen Sonne. „Und wenn ich still bin“, dachte ich weiter, „dann kommen sie daher wie die reinste Heuschreckenplage.“ Ich stellte mir vor, wie ich einen festen Absperrzaun baute. Ich verschnürte den Zaun mit dicken Kabelbindern und errichtete drum herum eine Betonschanze. Dann setzte ich mich allein in die Mitte und wog mich in Seligkeit. „Wenn der Andrang daherkommt“, dachte ich, „bleiben die Gedanken erst an der Schanze und dann am Absperrzaun kleben. Sollen sie alle übereinander rumpeln, mir ist das egal.“ Ich hegte die Hoffnung, dass sie alle weggehen würden, wenn ich einfach lange genug nicht reagierte. Nach dem Motto: Da passiert heute nix mehr, lass uns einen trinken gehen. Diesmal klappte es leider nicht mit dem Zaun. Ich hörte sie bereits hinten scharren, als mir einfiel, dass ich mich auch beschäftigen konnte. Beschäftigung war die einzige Möglichkeit, sie mir vom Leib zu halten. Obwohl es natürlich auch Spezialisten gibt, Sie kennen das. Sie schauen zum Beispiel einen Film, wissen aber hinterher gar nicht mehr, worum es ging, weil sie hinterhältig von Gedanken überfallen und verschleppt wurden. Oder: Sie schmusen gerade heftig mit einem von Ihnen angebeteten Menschen und plötzlich kommen die Gedanken daher. Dann ist es aus mit dem Schmusen. Gedanken kennen keine Privatsphäre, sie gehen überall hin.
Ich beschloss, mich abzulenken und dann den Ofen auszustellen, sprich ins Bett zu gehen. Natürlich wusste ich ganz hinten in meinem Hirn, dass schlafen nicht die Abwesenheit von Gedanken bedeutete. Das war es ja. Und ich wusste auch, dass heute irgendein besonderer Tag im Leben meiner Gedanken sein musste, denn sie waren heute ziemlich zahlreich und nervös. Ich ging trotzdem Zähne putzen, hörte aber über das Brummen der Zahnbürste hinweg den Gongschlag für einen ganz speziellen Männerchor. Mir war klar, dass sie ihre Stimmen gut poliert und einige Whiskys zur Ölung gebechert haben mussten. Während ich ins Bett stieg, wurde ich von theatralischen Gesängen begleitet. „Was wohl heute los ist,“ denke ich noch, da beginnt schon der erste zu wimmern. „Die Soli sind das Schlimmste“, denke ich weiter. „Wieso wählen sie immer den Unbegabtesten für die Soli aus? Klar, dass dann alle heulen.“ So liege ich auf dem Rücken und schaue in die Dunkelheit, im Hinterkopf jetzt wabernde Dreiklänge. Eigentlich ganz schön. Besser als ein Sprechchor von Achtklässlern einer Waldorfschule. Der Dreiklang wird jetzt zum Fünzigklang und die einzelnen Stimmen sind nicht mehr unterscheidbar. Dass es solche Töne überhaupt gibt, erstaunt mich für eine Sekunde. Was Arnold Schönberg davon gehalten hätte? Leider kann er nicht in mein Hirn rein und leider ist er schon tot. Ich stelle mir vor, wie ich die Gesänge aus meinem Kopf auf einen modernen Datenträger sauge und diesen mit der ersten Marsmission sehr weit weg ins All schieße.

Als Ruth zu leuchten beginnt

„Als Ruth zu leuchten beginnt“, ist eine Kindergeschichte über das Walmädchen Ruth das eines Tages zu leuten beginnt. Geschrieben und illustriert von Magdalena Wolf.

Leseprobe: Tief unten, dort, wo das Meer sein leuchtendes Blau gegen dunkles Schwarzblau tauscht, wo das Licht nur noch spärlich hingelangt, dort lebt Ruth mit ihrer Walfamilie. Ruths Familie besteht aus fünf großen, schweren Walmamas und ihren Kälbern Kurt, Irma, Amalie und Egon.
Ruths Tage bestehen aus fressen, tauchen und spielen. Am liebsten spielt sie mit ihren Walfreunden „in den Ozean krachen“. Das Spiel startet mit einem Wettschwimmen. Ruths Walfreunde Kurt, Irma, Amalie und Egon bringen sich in Startposition. Egon stößt einen hohen lauten Ton aus und los geht es. Die Walkälber schwimmen so schnell sie können auf die Sonne zu. Der erste, der die Wasseroberfläche durchbricht und sich mit einem lauten, krachenden Aufplatschen in den Ozean fallen lässt, hat gewonnen. Es ist ein herrliches Walleben findet Ruth. Ihre Freunde finden das auch.

Egon hat es als erstes gesehen.
„Ruth, schau mal, deine Schwanzflosse leuchtet ganz gelb“, sagt er erstaunt. Ruth schaut an sich hinunter. „Stimmt. Das wird schon wieder weg gehen“, antwortet sie gelassen.
Das gelbe Leuchten geht nicht wieder weg. Im Gegenteil. Das gelbe Leuchten breitet sich auf Ruths Walkörper aus. Die Rückenflosse beginnt zu leuchten, einen Tag später die kleinen Schwimmflossen. Noch einen Tag später leuchtet Ruths Rücken und schließlich leuchtet ihr ganzer Körper. Sie leuchtet hell wie die Sonne. Keiner in der Walfamilie kann mehr schlafen, außer Ruth.

Die Walfamilie wird immer übernächtigter, übellauniger und motziger. Irma motzt Egon an, Egon motzt seine Walmama an, Egons Walmama motzt Amalie an und Amalie motzt Kurt an. Alle motzten sich gegenseitig an. Nur Ruth motzt keiner an. Die ganze Walfamilie hat ein wenig Angst vor Ruths Leuchten.
„Jetzt reicht’s!“, ruft Kurts Walmama eines Nachts, „so kann das nicht weitergehen. Ruth schläft seelenruhig und alle anderen sind wach! Ruth!“
„Mh“, murmelt Ruth und öffnet verschlafen ein Auge.
„Du musst woanders schlafen!“, meckert Kurts Walmama.
„Warum?“, fragt Ruth.
„Du leuchtest so hell wie die Sonne, nur im Wasser, keiner kann mehr schlafen“, fährt Kurts Walmama übel gelaunt fort.
„Ja, ja ich weiß“, motzt jetzt auch Ruth und fragt knurrig: „Weisst du vielleicht, wie ich das abstellen kann? Ich will es ja gar nicht haben, das blöde Leuchten.“
„Woher soll ich das wissen? Für heute Nacht schläfst du erstmal da hinten und morgen sehen wir weiter“, schimpft Kurts Walmama und deutet mit ihrer Flosse in die Dunkelheit. Ruth schwimmt nach „da hinten“, was ungefähr 2 km weit von ihrer Familie weg ist.

Die Walfamilie schläft seit langem wieder einmal ohne Probleme. Nur Ruth kann diesmal nicht schlafen. Sie ist noch nie so weit von ihrer Familie weg gewesen. Sie schließt die Augen, zählt bis zehn, dreht sich auf den Rücken, taucht ein wenig umher. Ruth wird einfach nicht müde.
„Ich werde bis zum Grund des Meeres und wieder zurück tauchen, vielleicht kommt dann die Müdigkeit“, denkt Ruth und taucht gemächlich nach unten.

Gedichtbuch „Und dann nehme ich…“

Illustration und Layout des Gedichtbuchs.
„Und dann nehme ich entweder die Blumen oder stürze mich doch in die Hecke“. Margarita Wolfs Gedichte erzählen. Erzählen kleine und große Geschichten von Zitronenbäumen, die nach Mandelblättern riechen, von Gerümpel im Kopf und Steinen aus Honig. Sie treffen auf ein Ich, ein Du, ein Wir, auf Fragen und Antworten. Berühren das, was war, was ist und was sein könnte. Sie erzählen von den Schimmern des Lebens, aus dunklen Gassen und von Liebe, die nach vorne geht.
Zeitgenössische Lyrik mit Illustrationen im Buchformat.